Race-Report Part I: Race in Tallinn for Lesbos

Patrick, you are an Ironman!
Hier kommt Nummer 1 unserer Ironman Rennberichte der Aktion “Race in Tallinn & Frankfurt for Lesbos” von Patrick aus Tallinn. Ihr könnt auch weiterhin hier für Yoga and Sport with Refugees spenden! An dieser Stelle schon einmal vielen Dank an alle Spender!


Da trainiert man das ganze Jahr einigermaßen fleißig und hat das Ziel vor Augen und doch kommt die Race Week ein Stück weit überraschend. Bis zum Montag war die gestellte Aufgabe, mein zweiter Ironman, leicht über die Lippen zu bringen – ein wenig Stolz schwingt auch immer mit – “Ja, das sind 3,8km Schwimmen, 180km Radfahren und ein Marathon” erzählt man betont locker Arbeitskollegen, Freunden und Fremden, ob diese es hören wollen oder auch nicht. Die Reaktionen darauf sind abwechselnd anerkennend oder befremdet oder eine Mischung daraus. Naja, in der Regel fühlt man sich dabei doch irgendwie gut. Nun das perfide an der Raceweek ist jedoch, dass ihr es egal ist, was man so gesagt hat, sondern es nun ernst wird: Und schwups wird man also nervös, spürt ständig in seinen Körper hinein und findet vermeintliche Verletzungen, sieht sein Material völlig unvorbereitet, geht allen auf den Geist. Kurzum: Es wird nun Realität und die Anspannung steigt.

Mein zweiter Ironman, das Erstlingswerk fand in der glühenden Hitze Frankfurts in 2019 statt, führt mich nach Tallinn, der Hauptstadt Estlands. Die Gründe dafür sind zweierlei. Zum einen finde ich die Stadt wunderschön und zum zweiten konnten die Organisatoren des IM Tallinn diesen aufgrund eines sehr guten Hygienekonzepts auch 2020 stattfinden lassen. Dies gab mir Sicherheit in der Jahresplanung und war entscheidendes Kriterium.

Gewohnt haben wir (begleitet haben mich meine Partnerin und meine Eltern) in einem sehr zentralen Airbnb mitten in der Altstadt, welche wirklich wunderschön, klassisch hanseatisch und gut erhalten ist. Tallinn selbst hat eine hervorragende Restaurant- und Barkultur und lockt vom Junggesellenabschied und Kreisligaverein auch Kulturliebhaber und Städtereisende an. Unser Airbnb war wirklich geräumig und bot uns alles was wir brauchten, da ich es beispielsweise vorziehe am Wettkampfmorgen meine Ruhe zu haben und daher kein Athletenhotel beziehen würde. 

Die Reise ging für uns bereits am Dienstag Abend los. Mit der Fähre wurde von Fehmarn nach Dänemark übergesetzt und eine Nacht im Flughafenhotel verbracht. Diesen Aufwand würde ich normalerweise nicht auf mich nehmen, aber keinesfalls wollte ich mit Umstieg fliegen und so das Risiko minimieren, mein Fahrrad im Transit zu verlieren (ein weiteres Beispiel für die Unzurechnungsfähigkeit von Triathleten; ist aber auch etlichen Athleten passiert wie man so hörte). Es klappte dann auch alles hervorragend und war wirklich stressfrei. Die Einreise in Estland war einfach und sehr positiv, da jeder Einreisende entweder getestet oder geimpft sein musste. Dies vermittelte ein gutes Gefühl.

In Tallinn selbst haben wir meine Eltern getroffen, die aus Hannover anreisten und konnten die Wohnung beziehen. Sie selbst gingen direkt auf Erkundungstour. Für mich (und Julia – sry) stand zuerst der Aufbau des Fahrrades, das Ausräumen der Koffer, das Aufbauen der Rolle, etc. auf dem Programm. Direkt danach trainierte ich noch 1h Rad und koppelte eine halbe Stunde. Ich lief entlang der Wettkampfstrecke und realisierte da zum ersten Mal, dass es wirklich passiert. Mir kamen so viele tätowierte M-Dot Waden und rasierte Beine entgegen, wie es nur an Wettkampforten oder Trainingslagerdestinationen passieren kann. Sofort war bei mir die Energie da und die Trainingsvorgaben des Trainers wurden ignoriert – es ging ja – dem Tapering sei dank.

Am Donnerstag dann holte ich mir meine Startunterlagen ab auf dem Ironman Gelände im Hafen von Tallinn (Noblessner). Die Messe fand aus bekannten Gründen leider nicht statt, aber den Hauch des Feelings konnte das Ironman Merchandise Zelt trotzdem vermitteln. Ein großes Lob an dieser Stelle für die Organisatoren, die ein hochprofessionelles Konzept aufgebaut haben. Als Athlet bekam man einen individualisierten Link, wo genaue (auf 10min genaue) Slots angegeben waren, wann man wo zu sein hatte (Bike Check-In, Shuttle zum Start, Racekit abholen, etc.). Da mein Slot für die Startunterlagen erst am Nachmittag war, sind wir vorher an den Lake Harku zum Schwimmen gefahren. Der See war sauber, etwas kalt und hatte null Sicht. Also perfekt für jemanden, der ungern im Neo schwitzt und Angst vor Fischen hat. Zahlreiche andere Athleten probierten sich dort ebenfalls aus.

Der Freitag, als Pre-Race-Day, war relativ unspektakulär. Sportlich bin ich eine halbe Stunde Rad gefahren und 15min gelaufen, habe mein Fahrrad in die Wechselzone gebracht und bin wieder in die Wohnung gefahren. Ja keinen Schritt zuviel – man ist ja Profi! Das Carboloading lief die Tage vorher schon gut, meine Anspannung wurde größer – ich vermutlich unerträglicher. Aufgrund des guten Tipps eines Freundes würgte ich mir abends noch 2l stilles Wasser rein – Hydroloading nannte er das professionell – und versuchte ab 21 Uhr im Bett zu liegen und zu schlafen. Das Abendessen bestand aus Pizza und Nudeln, gesprochen habe ich nicht mehr viel. 

Der Wecker klingelt. Es ist 3 Uhr 30! Ich war sofort hellwach! Zum Glück stand Julia mit auf und hat mir beim Frühstück geholfen und pflichtbewusst meine Nutrition aufbereitet. Ich glaube, sie ekelte sich etwas vor den 18 Gels, die sie in meine Trinkflasche pressen musste. Nach 6 Nutellatoasts später war die Anspannung unermesslich, sodass ich noch etwas versuchte (lol) zu meditieren. Um 4:45 Uhr verließ ich das Haus und machte mich auf dem Weg zum Sammelpunkt ca 900m entfernt. Dabei musste ich mich durch die Szenen des Nachtlebens kämpfen. Am Sammelpunkt nahm ich sofort dieses mystische Gefühl wahr, das man nur am Wettkampfmorgen spüren kann. Alle strahlen diese nervöse und wankelmütige Vorfreude aus; jede(r) steht hier mit unterschiedlichen Ambitionen für den Tag. Für einige geht es um Hawaii, für mich um eine PB und für die allermeisten geht es ums Ankommen (darum gings für mich eigentlich auch).

Angekommen in T1 habe ich meine Reifen aufgepumpt, meine Nutrition und den Radcomputer ans Bike gebracht und die Schuhe fixiert. Nach dem obligatorischen Dixistopp ging es dann auf eine 800m lange Wanderung zum eigentlichen Startbereich (das Schwimmen ist ein A nach B Kurs). Dort zog ich meinen Neo an und gab den weißen Beutel ab und wartete ab dann eigentlich auf den Start. Man musste sich in eine Reihe stellen es es wurden 5 Athleten alle 4 Sekunden ins Wasser gelassen. Eher ich mich versah ist es losgegangen.

Ich sprang ins Wasser und konnte auch sofort anfangen zu Kraulen. Das Teilnehmerfeld waren lediglich 1000 Athleten, sodass früh genug Platz vorhanden war. Da man auch nichts im Wasser sah, konnte ich schnell meinen Rhythmus finden. Leider manchmal etwas zu gut, sodass ich in Gedanken und folgerichtig auch im Wasser abdriftete und manchmal meinen Kurs korrigieren musste. Im mittleren Teil des Schwimmens fing es dann an zu regnen und zu winden, sodass Wellen auf dem See aufkommen. Das Schicksal einer Person, die nur zu einer Seite atmen kann, kann sich der geneigte Leser vorstellen. Der weitere Verlauf des Schwimmens verlief unspektakulär und ich konnte nach 1h:27min in die T1 laufen und mich umziehen. Es hatte wie gesagt auch schon zu regnen begonnen – dies sollte auch bis zum Ende des Tages mit kurzen Unterbrechungen so weiter gehen. Übrigens: Alle Tage vorher und auch danach waren feinstes Wetter – tja.

Die Regenjacke über den Einteiler geworfen ging es nun also los auf dem Radkurs. Als erste Bemerkung: Die 180km haben zu keinem einzigen Zeitpunkt Spaß gemacht. Es war sehr nass, kalt und windig. Es gab auch Phasen im Kurs, da musste man komplett in den Wind fahren, wurde jedoch nach einer 180° Kurve mit viel Rückenwind belohnt. Die Natur und Landschaft sind wirklich schön, vermutlich bei Sonnenschein sogar noch mehr. Die Straßen waren auch größtenteils in guter Verfassung, teilweise aber auch nicht, was mit Wind und Regen nicht zur Laune beiträgt. Zuschauer gab es soweit keine, obwohl theoretisch welche zugelassen waren. Gerade auf der zweiten Radrunde war es daher teilweise wirklich einsam auf der Strecke, sodass ich mich fragte, ob ich irgendwo falsch abgebogen bin. Nunja, nach 5:50h war das dann auch vollbracht und meine Familie und Freundin hat mich in der Wechselzone 2 willkommen geheißen.

In der Wechselzone waren die Gesichter eher entmutigt bzw. aufgerieben. Der Grieche neben mir ließ mich wissen, dass er vor einer Woche noch bei 40° trainierte und nicht wisse, warum er sich das hier antut. Feel you, brother. Ich wechselte meine Socken auf ein trockenes Paar und zog mir einen Laufpullover über den Einteiler und stiefelte los. Die Beine fühlten sich nicht brutal schlecht an, sodass ich mit meiner Pace von 5:30min/km loslaufen konnte. Das war so von mir geplant und gab erstmal ein gutes Gefühl. Es standen nun 4 mal 10 km auf dem Programm. Die Laufrunde führte vom Hafen an den Rand der Altstadt und wieder zurück. Man kam sehr oft an ähnlichen Orten vorbei, sodass es etwas mehr Zuschauerkontakt gegeben hat. Grundsätzlich war es nicht vergleichbar mit Kraichgau oder Frankfurt, aber es war zumindest nicht mehr einsam wie beim Radeln. Die Versorgung hatte nun auch Brühe und heißen Tee im Angebot, was meiner Moral sehr half. 

Die erste Laufrunde war wirklich gut, die zweite zog sich dann bereits und ich bin an definierten Orten (berg hoch, Versorgungsstationen) gegangen, aber nicht eingebrochen. In der dritten kehrte irgendwie die Kraft zurück (auch dank des Tees) und die vierte ging fast wie im Fluge, da das Ziel zum Greifen nah ist. Meine Supporter haben mir dabei auch viel Kraft gegeben. Ebenfalls die Gedanken an Coach, Sportsfreunde, Kollegen und Freunde (die sogar gespendet haben) halfen beim Durchhalten! Nun war es also geschafft, ich durfte links auf den Zielkanal einbiegen und auf den roten Ironman Teppich laufen. Nach den 4 magischen Worten stand eine 12:37h auf der Uhr. Mit der Zeit bin ich sehr zufrieden. Natürlich hab ich sofort die Baustellen erkannt fürs nächste Mal (obwohl ich im Rennen beschlossen habe das ich hier auf Abschiedstournee gehe), aber im Großen und Ganzen kann ich mit der Zeit und den Umständen sehr glücklich sein.

Der Athletengarten ist der zweite mystische Ort eines Ironman Rennens. Nirgendwo sonst sieht man so viele Freudentränen und erwachsene Menschen, die sichtbar etwas “verdauen” müssen. Mir ging es eigentlich auch ganz gut. Den Fehler mich zu setzen hätte ich nicht begehen dürfen. Zum Glück halfen mir meine Begleiter beim Bike Check-out und dem Abend zuhause:)

Zusammengefasst war es mal wieder ein wunderbares Erlebnis. Sehr anstrengend, aber auch sehr belohnend und motivierend. Tallinn war gut zu uns! Vielen Dank für alle, die an mich gedacht haben und auf dem Weg begleitet haben. Einige sind hervorzuheben, die wissen aber schon selbst, dass sie gemeint sind. Danke auch den Jungs und Mädels von Trifugee, dass ich dabei sein darf! Und Danke an alle Spender und den tollen Projekten, die wir unterstützen dürfen! 


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Ein Gedanke zu „Race-Report Part I: Race in Tallinn for Lesbos

  1. Mariano Antworten

    Super Patrick.

    Offensichtlich hast Du schon bei der Tripvorbereitung Gas gegeben und sogar eine Rolle mitgebracht!

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